#selflove first?

#selflove first?

In letzter Zeit finde ich in meinem Instagram-Feed immer häufiger Beiträge, die mit mit dem Hashtag #selflove versehen werden. Aber was genau meint es eigentlich, öffentlich „Selbstliebe“ zu bekennen und warum findet Laurie Penny das sogar gefährlich? 

Ich gebe zu, auch ich habe das Hashtag #selflove schon mindestens einmal genutzt und es z.B. unter einem Foto von einem Stück Schokoladenkuchen platziert – ohne groß darüber nachzudenken. Das Prinzip eines Trends besteht schließlich darin, dass man etwas, das man bei anderen gesehen hat, mehr oder weniger unbewusst kopiert und auf seine eigenen Umstände überträgt. Es verwundert daher auch nicht, dass ich #selflove dazu genutzt habe, ein Foto eines Kuchens zu kommentieren und damit auszudrücken, dass ich mir etwas Süßes gegönnt habe, denn die meisten Posts, die sich der Selbstliebe widmen, beziehen sich in der Regel auf besonders leckeres oder sehr gesundes (sprich teures) Essen oder andere Dinge, die man sich normaler Weise nur selten gönnt.

Bildschirmfoto 2017-01-25 um 22.21.39

Bildschirmfoto 2017-01-25 um 22.21.50

„Gönn dir!“

„Gönn dir“ – halte ich zwar für einen schrecklichen Spruch, er meint im Grunde aber etwas Ähnliches wie das Hashtag #selflove. Auch hierbei handelt es sich um eine Art Mantra, das meine Generation nur allzu gerne bei jeder passenden Gelegenheit rausschmettert: Gönn dir Urlaub! Gönn dir leckeres Essen! Gönn dir mal ne Auszeit! Diese Mentalität ist meiner Meinung nach wiederum stark mit dem Streben nach Achtsamkeit verbunden. Viele wollen es vielleicht nicht hören, weil sie ihren achtsamen Lebensstil als notwendig betrachten, dennoch handelt es sich dabei für mich auch in erster Linie um einen Trend, der in Verbindung mit spirituellen Praktiken wie Yoga und Mediation und/oder bewusster, gesunder Ernährung steht. Die Einstellung mag von Innen kommen, aber der Trend kommt durch äußere Einflüsse, wodurch wir wieder bei Instagram wären. Neben den Fotos von gutem Essen, findet man auf der Platform nämlich zahlreiche Bilder von Yogafrauen am Strand die mit dem Hashtag #selflove zeigen, wie gut es sich anfühlt, dem stressigen Alltag zu entfliehen und sich mal nur auf sich selbst zu besinnen. Selbstliebe steht nicht länger für Arroganz, sondern für eine „Must- have- Attitude“. 

Bis vor kurzem habe ich in diesem Verhalten allerdings nichts Problematisches gesehen. Ist doch gut, wenn Frauen weniger hart und selbstkritisch gegenüber sich (und ihren Körpern) werden. Natürlich weiß man auf Instagram nie so recht weiß, was nun wirklich dahinter steckt, aber schaden kann es doch zumindest nicht, wenn wir uns in dieser chaotischen Welt ein wenig auf uns selbst besinnen, oder doch? Vor ein paar Wochen stieß ich dann allerdings erneut auf einen Post der Kategorie „Selflove“, in dem eine Freundin schrieb, sie würde sich kurz mal von der Welt verabschieden und zum Gehirnsport – sprich zur Mediation – gehen, auch wenn Laurie Penny etwas dagegen habe. „Aber #selflovefirst.“

Die „Wohlfühl-Lüge“

Das ließ mich stutzen. Was hat Laurie Penny gegen Meditation? Als ich meine Freundin darauf ansprach, schickte sie mir den Link zu einem Artikel auf Zeit Campus, den man aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt hatte. Darin schreibt Laurie Penny, die so ziemlich auf alle Fragen unserer Generation eine Antwort und Meinung parat zu haben scheint, welche Gefahr sie im Trend der Selbstliebe sieht. In den Augen von Ms. Penny handelt es sich dabei nämlich um eine „Wohlfühl-Lüge“. Schon gleich im ersten Absatz ihres Artikels heißt es entsprechend dramatisch:

„Der Generationenvertrag bricht langsam in sich zusammen und so entsteht dieser moderne Wahn nach sauberem Essen, gesundem Leben, persönlicher Produktivität und der „radikalen Selbstliebe“ – unserem Beharren darauf, trotz aller Widersprüche ein sinnhaftes Dasein führen zu können, indem wir nur positiv nach vorne blicken, unserem Glück folgen und ein paar Kniesehnen strecken, während der Planet brennt.“

„Radikale Selbstliebe“ klingt allerdings in der Tat nicht gerade gesund. Indem man sich selbst durch Instagrammantras oder die Coca-Cola Werbung bestärkt sehe bzw. manipuliert werde, „Glück zu wählen“, entstehe bei vielen Menschen der Gedanke – so Penny – dass man nur durch die innige Selbstliebe zu mehr Erfolg und Reichtum gelangen könne. Diese Ansicht bestätigen auch die Autoren des Buchs The Wellness Syndrom, Carl Cederström und André Spicer, die der Meinung sind, dass Selbstliebe, wenn sie zum Ritual wird, das gemeinschaftliche Engagement verringere: „So wird jedes soziale Problem zu einer persönlichen Frage.“

Das Ausmaß einer „übertriebenen“ Selbstliebe kann insofern drastische Konsequenzen haben. Penny spricht sogar von einer politischen Krankheit, wenn die Möglichkeiten, sich in Gemeinschaften zu organisieren immer geringer werden und letztlich jede/jeder für sich selbst versuche zu überleben. Dabei könnten wir die Welt nur dann verbessern, wenn wir in unsere kollektiven Fähigkeiten vertrauen. All dem ist meiner Ansicht nach kaum etwas entgegenzusetzen, aber hat Laurie Penny nun wirklich etwas dagegen, wenn wir meditieren?

Nein. Denn das Problem der „Selbstliebe“ bezieht sich in erster Linie auf  Internetauftritte, Werbung oder politische Kampagnen, in denen verlangt wird, sich an eine positive Einstellung anzupassen und darunter die eigentlichen persönlichen wie gesellschaftlichen Sorgen und Probleme zu ignorieren. Daher möchte ich euch den Artikel von Laurie Penny in jedem Fall ans Herz legen, da er einige wichtige Gedanken enthält:

„Ich kenne viele junge Leute, die ihr Leben nicht im Griff haben. Leute, deren Problem nicht ist, dass sie nicht genug Spargelwasser trinken, sondern dass sie nichts anderes trinken als abgestandenen Wein aus Plastiktüten. Doch es waren ebenjene, die an den Studentenprotesten und Besetzungen zwischen 2010 und 2012 beteiligt waren und erfuhren, wenn auch nur kurz, wie es ist, ein ganz anderes Leben zu führen. Was es bedeutet, Teil einer Gemeinschaft mit gemeinsamen Zielen zu sein, wobei gegenseitige Unterstützung ganz oben stand. Was es bedeutet, eine kurze Verschnaufpause aus dem individuellen Streben zu erleben und ein alternatives Gesellschaftsmodell aufzubauen. Die einsame Arbeit, sich um sich selbst zu kümmern, während man darauf wartet, dass sich die Welt verändert, ist dagegen ein schwacher Ersatz. Wenn man vor lauter Anpassung zu müde und ausgebrannt ist, um diesen Zustand zu bekämpfen, ist es besonders bitter, gesagt zu bekommen, dass man mehr lächeln und Vollkornprodukte essen soll.“

Der herabschauende Hund ist keine radikale Position, aber…

Wir können also so viel meditieren wie wir wollen, sollten dabei (oder zumindest im Anschluss) nicht unsere Mitmenschen vergessen oder vernachlässigen. Insbesondere nicht diejenigen, die sehr weit von irgendwelchen Instagram-Trends entfernt sind und mit ganz anderen Problemen zu kämpfen haben. Es hilft aber eben auch nichts, wenn wir Hashtags und die Gesünder-leben-Rituale anderer ablehnen (ohne überdies selbst aktiv zu werden), denn auch das trägt nicht zur Stärkung einer Gemeinschaft bei. Und so gesteht übrigens auch Frau Laurie Penny ihren Leser*innen gegenüber ein, dass sie seit zwei Jahren Yoga macht:

„Ich habe mir durch leidenschaftliche Übungen auf und jenseits der Matte beigebracht, genug innere Stärke zu finden und nicht laut loszulachen, wenn die Übungsleiterin am Ende der Stunde sagt: „Lasst das Licht in mir das Licht in dir ehren. (…) Der herabschauende Hund mag keine radikale Position sein. Nichtsdestotrotz ist diese Übung eine der wenigen kleinen Zugeständnisse, die ich mir zuliebe mache, während ich auf das Ende des Patriarchats und die Zerstörung des Kapitals warte.“

Außerdem verzichtet sie nicht auf Chicken McNuggets und Zigaretten, was sich in gewisser Weise mit meiner Hashtag-Selbstliebe in Form von Schokoladenkuchen deckt. Und manchmal nimmt auch Laurie Penny sich einen freien Tag, weil die Revolution nicht schneller kommt, wenn sie ständig krank und traurig ist. Ich glaube, dass Selbstliebe in dieser Form also wirklich etwas Wichtiges ist. Man darf Liebe, auch Selbstliebe, aber nicht zu etwas  völlig Oberflächlichem abstumpfen lassen und sie mit Herzchen, Blumen, Fantasie und rituellem Konsum definieren. Wichtig ist daher, Liebe durch Gesten zu zeigen, denn: „Wenn wir unsere Energie daran verschwenden, uns selbst zu hassen, wird sich nichts ändern.“

Fotos: © Marie Krutmann