Macht Einöde einen öde?

Macht Einöde einen öde?

Vor kurzem war ich in Schottland. Mit dem Auto ging es für mich und meinen Freund hoch
in den Norden und einmal um die Küste. Das Besondere an dieser Gegend Schottlands ist nicht bloß
die atemberaubend schöne  Landschaft, sondern auch die Tatsache, dass dort deutlich weniger Menschen leben,
als im Rest Schottlands. 

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Auf unserer Reise sind mein Freund und ich dann aber doch ein paar Menschen begegnet, da wir jede Nacht an einem anderen Ort bei anderen Leuten unterkamen. Und alle waren sie wahnsinnig nett. Schon klar, wir haben ihnen ja auch Geld dafür gegeben, dass wir via airbnb bei ihnen schlafen durften, doch die Gastfreundschaft hat mich dennoch sehr berührt. Ein Ehepaar, das in der totalen Einöde in einem kleinen Cottage in den Highlands lebt, hat mich auf unserer Reise allerdings ganz besonders beeindruckt. Denn wie sich nach einem langen Gespräch mit Helen und Phil herausstellte, kamen sie ursprünglich aus London, also eigentlich aus der Stadt. Ihr Leben dort haben sie vor etwa vier Jahren gegen ein einsames Leben im Norden Schottlands eingetauscht.

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Wir saßen bei einem kleinen Feuerchen in ihrer gemütlichen Wohnküche und tranken Tee  (ich komme immer noch nicht über die Idylle hinweg) und erzählten einander von unserem Leben. Helen und Phil fanden es sehr spannend, dass mein Freund und ich aus verschiedenen Ländern (Frankreich und Deutschland) kommen und unsere Beziehung schon über so viele Distanzen aufgrund zahlreicher Umzüge in verschiedene Städte (Stockholm, Kopenhagen, Amsterdam, Nürnberg, Berlin..) gehalten hat. So many Cities!  Dann wollten sie wissen, was wir beruflich machen. Mein Freund stieß mit seiner Jobbeschreibung als Supply-chain-manager bei einem großen Modeunternehmen mal wieder auf Unverständnis, versicherte jedoch, dass sich damit Geld verdienen lässt, woraufhin ich von meinem vergleichsweise brotlosen Dasein als Journalistin und Studentin berichtete.

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Ich hatte den Eindruck, dass Helen und Phil ein bisschen belustigt waren von dem, was wir aus unserem Alltag in Berlin schilderten. Diese Touristen!, dachten sie sicherlich. Quälen sich in der Stadt durch seltsame Jobs und kommen dann mit ihrem Mietwagen aufs Land, um zur Abwechslung mal eine Kuh zu sehen. Vielleicht war es aber auch eher das, was ich in dem Moment selbst über uns dachte. Denn als schließlich die beiden an der Reihe waren, von sich zu erzählen, schien es fast, als sei es dem Paar ein wenig unangenehm, vor uns über ihren Umzug aus der Stadt aufs Land zu erzählen.

Dabei überraschte es in meinen Augen überhaupt nicht, dass Helen und Phil sich in der Großstadt nicht wohlgefühlt hatten. Für mich waren sie genau das, was ich mir unter einem typischen Hippie-Ehepaar vorstelle: lässige Kleidung, entspannte Weltanschauung, herzlich und glücklich auch mit nur wenigen Dingen. Doch eine Frage stand nach dem vorherigen Gespräch im Raum: wie kann ein Paar, dass in der  Natur pur wohnt sich über Wasser halten? Allein durch airbnb sicher nicht. Dafür kommen einfach zu wenig Menschen in diese Gegend. Und im Gegensatz zu den wenigen Nachbarn in ihrer Umgebung, hielten die beiden keine Tiere, da sie (natürlich) Vegetarier waren. Kurz angebunden erklärte Helen, dass sie hin und wieder bei einer anderen Familie putze oder bei Bedarf in einem Altenheim aushelfe. Phil gab auf die Frage nach seinem Job gar keine Antwort, außer die, dass er stets spontan entscheide, was der nächste Morgen bringt. Schön und gut diese „Go with the Flow“-Haltung. Dennoch habe ich mich in diesem Moment  gefragt, ob all die Idylle wirklich reichen kann, um glücklich zu sein. Nie zu wissen, was am nächsten Tag kommt, kann spannend sein – aber gilt das auch für die Einöde?

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Als wir schließlich am Abend zu Bett gingen und es uns in dem schönsten Zimmer des  Häuschens (Helen und Phil schliefen selbst in einem kleinen, einfachen Raum gegenüber) gemütlich machen wollten, hörten wir von unten aus dem Wohnzimmer ein Lachen. Unsere Gastgeber hatten es sich am Kamin bequem gemacht und spielten gemeinsam Full House. Und da habe ich mir dann gedacht, wie komisch es doch  ist, dass ich mir selbst immer Gedanken mache, wie ich wohl bald mein Geld verdienen soll und wie ich leben soll, was andere von mir erwarten und dem gegenüberstelle, wie andere Leute das alles machen. Helen und Phil aus London haben einfach auf alles geschissen, sind nach Schottland gezogen, um dort in Ruhe Full House zu spielen. Vielleicht macht die Einöde einen öde, aber das muss man sich auch erst mal trauen.

Auch wenn ich die Lebensweise der beiden (zumindest derzeit) nicht ganz nachvollziehen kann, fand ich es in jedem Fall schön, einen Einblick in dieses verschrobene, urige und unfassbar gemütliche Leben zu bekommen.

Mich würde interessieren, was ihr zum Thema „aussteigen“ sagt. Mutig, inspirierend oder feige bzw. ein derzeitiger Hype?

Bilder: Marie Krutmann