"Ich habe am liebsten gesessen, gegessen und gefaulenzt."

„Ich habe am liebsten gesessen, gegessen und gefaulenzt.“

Studieren, Praktika machen, mit Freunden abhängen und an den Wochenenden ausgehen oder im Bett mümmeln und Schokolade essen. Klingt nach dem ganz normalen Studentenalltag. Was aber, wenn man dann fertig ist mit dem Studium und alle dich fragen, was als nächstes kommt?

„Ich habe mir einen Joker verschafft, bevor es richtig ernst und erwachsen wird.“

Katrina hat diese Frage heraus aus der Großstadt hinein die Natur verlagert. Zwischen Kühen und Rüben auf einer Farm in Norwegen will sie herausfinden, wie sie zukünftig leben möchte. Ich habe sie wenige Wochen nach ihrer Ankunft gefragt, wie es mit ihrem Berlinentzug läuft. 

Wo in Norwegen bist du derzeit und was genau machst du dort?

Seit knapp zwei Wochen bin ich nun auf einem biodynamischen Bauernhof in der Nähe von Stange, etwa zwei Fahrstunden von Oslo entfernt. Die Farm liegt zwischen der Stadt und dem Mjosa, Norwegens größtem See. Auf der Alm Ostre sind meine bisherigen Aufgaben vor allem das Ernten von Gemüse (Kohlrabi, Lauch, Grünkohl, Blumenkohl, Broccoli, Rote Beete) und Obst (Äpfel, Blaubeeren) und seit diesem Wochenende auch die Versorgung der Tiere (Kühe, Schweine, Hühner, Gänse, Schafe).

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Ist deine Arbeit dort auf einen bestimmten Zeitraum begrenzt?

Der Aufenthalt läuft im Rahmen einer Organisation namens „Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners“ und wird wohl bis Ende Juni 2017 andauern, wenn mich denn nicht vorher doch noch die Großstadtsehnsucht packt.

Hattest du eine bestimmte Vorstellung vor Augen, als du Berlin gegen die „Einöde“ Norwegens eingetauscht hast?

Ich hatte ganz starkes Fernweh im letzten Jahr und wollte unbedingt ein weiteres Mal für einen längeren Zeitraum ins Ausland, um dort zu arbeiten. Genaue Vorstellungen hatte ich dabei nicht. Weder was das Tätigkeitsfeld noch was das Land anbelangt. Als ich mich letztlich für die „Freunde der Erziehungskunst“ als Entsendeorganisation entschieden habe, sind mir dabei spontan zwei Einsatzstellen ins Auge gefallen: Ein Naturzentrum in Holland und die Alm Ostre in Norwegen. Nach der Absage aus Holland (mein eigentlicher Favorit), dem Zeitdruck etwas fix machen zu wollen und meiner Neugier mich mal in der Landwirtschaft auszuprobieren, sagte ich der Farm zu. Dabei zieht es sich ein wenig durch mein Leben, dass ich aus einem Gefühl heraus solche Entscheidungen treffe und oftmals relativ wenig über alles Weitere nachdenke. Ich hatte also wirklich absolut keine Ahnung, was mich erwarten würde und häufig genieße ich diese Ungewissheit.

Ich glaube, in jedem von uns stecken viele unterschiedliche Charakterzüge. Die Großstadt ist dabei einer von mir, genauso wie das Landleben.

Wie kann man sich die Alm und die Umgebung vorstellen, in der du lebst und arbeitest?

Die Alm Ostre liegt ganz in der Natur. In Sichtweite sieht man nur ein paar weitere rot, weiße Farmgebäude. Zum Glück ist man mit dem Rad in 15 Minuten in Stange, eine ziemlich überschaubare Stadt, in der sehr viele alte Menschen leben und nicht allzu viel los ist. In 45 Minuten kann man aber auch nach Hamar gelangen, wo es etwas lebendiger zugeht. Dort gibt es sogar einen Secondhandshop und ein hübsches Café mit dem Namen Tante Gerda.

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Von der Alm schaut man direkt auf den Mjosa See in der Ferne und die hügelige, norwegische Landschaft drum herum. Ich kann die Kühe auf der Weide sehen und die unterschiedlichen Gemüsebeete überblicken. Daneben gibt es einen kleinen Abhang mit unseren Apfelbäumen und lauter kleine Farmgebäude, die auf dem großen Gelände ziemlich verwinkelt angeordnet stehen. In meiner ersten Woche hat die ganze Zeit über die Sonne geschienen und mein erster Gedanke war: Das ist wirklich ein wenig wie Klein Bullerbü. Und dann durfte ich auch noch im Heu übernachten – genau wie die Kinder aus Bullerbü!

Wieso brauchtest du eine Auszeit von Berlin?

Wie bei so vielen Menschen, die in Berlin leben, bedeutet die Stadt für mich dieses Gefühl von Hass-Liebe. Dieses Gefühl, dass keine andere Stadt so lebenswert ist, nirgends so viele spannende Menschen zusammenkommen und man nur dort so frei und vielseitig leben kann. Gleichzeitig bedeutet sie aber auch Hektik, Reizüberflutung und Stress. Und vor allem auch einen richtig ungesunden Lebensstil. Ich glaube, in jedem von uns stecken viele unterschiedliche Charakterzüge. Die Großstadt ist dabei einer von mir, genauso wie das Landleben. (Die kleine Ronja Räubertochter, die da ruft). Dabei probiere ich am liebsten alles einmal aus, um für mich das zu finden, was mich glücklich macht.

Es ist für mich mehr als ungewöhnlich, dass ich hier kaum nasche und weder Nutella noch meine tägliche Tafel Gelee Bananen esse.

In deinem Studium und deinen bisherigen Praxiserfahrungen drehte sich immer alles um Kunst und Kultur in verschiedenen Städten. Ist es gerade nicht mehr das, was dich glücklich macht?

Nach meinem Abitur und einem Jahr im Ausland habe ich in Berlin drei Jahre lang Museumskunde studiert. Danach hatte ich das Glück für ein Volontariat in einem Auktionshaus nach Hamburg zu ziehen. Ein Jahr später bin ich für meinen Master in Museumspädagogik nach Saarbrücken gezogen, von wo aus ich dann doch wieder nach Berlin geflüchtet bin. Dort habe ich, neben dem Studium, vor allem in Kinder und Jugendmuseen gearbeitet. Ich bin immer davon ausgegangen, dass das mein absoluter Traumjob ist. Nach diversen Praktika musste ich mir jedoch eingestehen, dass es mir viel zu sehr in die sozialpädagogische Richtung geht und ich gleichzeitig mit den freien Arbeitsverhältnissen wenig anfangen kann. Wahrscheinlich bin ich auch aus dieser Erkenntnis heraus ins Ausland gegangen. Anstatt mich auf irgendeinen Job zu bewerben, erhoffe ich mir aus den nächsten Monaten hier eine Erkenntnis darüber, was ich eigentlich genau arbeiten will und wie ich leben möchte.

Wie unterscheidet sich deine Tagesroutine und deine Aufgaben zu deinem Leben in Berlin?

Mein Tagesablauf ist hier vollkommen anders und fast etwas absurd, dadurch, dass er so klar strukturiert ist. Seit einer Woche stehe ich immer um 06.30 Uhr auf, um die Kühe, Schweine und Hühner zu versorgen. Für mich, die normalerweise immer direkt nach dem Aufstehen frühstückt und sich gerne viel Zeit lässt, ist das unfassbar anstrengend. Zumal bei der Arbeit mit Tieren nichts vergessen werden darf. Es geht irgendwie eine andere Form der Verantwortung mit einher.

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Wie würdest du die anderen Leute in deiner neuen Umgebung beschreiben? Spielen sie eine große Rolle in deinem neuen Alltag?

Drei Familien und ein Ehepaar leben fest auf der Alm Ostre. Das Jahr über sind jedoch unglaublich viele Praktikant*innen hier und arbeiten für unterschiedliche Zeiträume mit. Jeder ist willkommen und es gibt Platz für alle, die mithelfen möchten. Ich habe das Gefühl, dass vor allem viele Leute hierherkommen, weil sie etwas suchen. In gewisser Weise gehöre ich auch dazu, deshalb ist es spannend zu sehen, an was für unterschiedlichen Stellen im Leben sich alle befinden. Wir alle sind unglaublich unterschiedlich und ich ziehe daraus viele neue Ansichten und Eindrücke. Wahrscheinlich bietet der Ort so viele Möglichkeiten, sich mit sich selbst auseinander zu setzten und sich auf eine andere Art kennenzulernen. Die Personen, die fest auf der Alm wohnen strahlen hingegen eine starke Ruhe aus. Dadurch ergibt sich auf meinen ersten Eindruck eine sehr angenehme Atmosphäre. Wobei das enge Zusammenleben hier früher oder später sicherlich auch Reibereien mit sich bringen kann.

Anstatt mich auf irgendeinen Job zu bewerben, erhoffe ich mir aus den nächsten Monaten hier eine Erkenntnis darüber, was ich eigentlich genau arbeiten will und wie ich leben möchte.

Sind die Gespräche, die du mit den Leuten dort führst, anders als die, mit deinen Leuten in Berlin?

Man lernt sich hier auf einer ganz anderen Ebene kennen. Alle laufen nur in ihren Arbeitsklamotten rum und es interessiert niemanden in welchem Bezirk in Berlin man wohnt oder in welche Clubs man geht. Vielmehr geht es darum, gut miteinander zu arbeiten und das Zusammenleben angenehm zu gestalten. Es braucht eine viel längere Zeit, bis man auf Themen wie Musik oder Film kommt. Vielleicht ist hier das gemeinsame Interesse an Landwirtschaft, Natur, Biodynamik und all die Hintergründe der Alm Ostre als Grundlage erst einmal genug. Alles Weitere tritt vorerst in den Hintergrund.

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Ich glaube nur, dass mir Gespräche mit meinen Freunden auf Dauer sehr fehlen werden. Man merkt jetzt nach einer Weile schon, dass viele der Leute hier einen anderen Lebensstil verfolgen und eine gesunde Ernährung, Nachhaltigkeit, Veganismus sowie die Rudolf Steiner Philosophie einen hohen Stellenwert innehaben.

Und du möchtest diesen anderen Lebensstil nicht so stark übernehmen?

Ich würde schon sagen, dass ich grundsätzlich allem offen gegenüberstehe und mir erhoffe durch die neuen Begegnungen neue Dinge und Denkweisen kennenzulernen. Momentan rede ich viel mit einer anderen Praktikantin über Spiritualität, aber so ein bisschen Skepsis bleibt irgendwie. Ich bin gespannt, wie ich das nach den neun Monaten hier sehe.

Gibt es Dinge, die du komplett aus deinem Leben gestrichen hast?

In Berlin habe ich viel geraucht und abends oft Alkohol getrunken – und ich war sehr gerne faul. Vor allem am Wochenende habe ich tagsüber lange ausgeschlafen und dann viel abgehangen. Ich bin Kaffee trinken gegangen, hab Serien geschaut und bin abends mit Freunden etwas trinken gegangen. Eigentlich habe ich am liebsten gesessen, gegessen und gefaulenzt. Hier in Norwegen fahren wir mit dem Fahrrad in die Stadt zum Einkaufen oder wir spazieren zum See und pflücken Blaubeeren. Mein Energiehaushalt ist ganz verwirrt und muss sich erstmal neu orientieren und daran gewöhnen, dass er hier viel mehr gefordert wird. Außerdem hat sich meine Ernährung völlig verändert. Alles ist natürlich Bio und wir essen hauptsächlich Produkte aus eigener Herstellung: eigene Eier, Honig, Fleisch, Haferflocken, Gemüse, Obst. Es ist für mich mehr als ungewöhnlich, dass ich hier kaum nasche und weder Nutella noch meine tägliche Tafel Gelee Bananen esse.

Ich habe das Gefühl, dass vor allem viele Leute hierherkommen, weil sie etwas suchen.

Vermisst du, außer deinen Freunden, Dinge aus deinem vorherigen Alltag?

Bisher vermisse ich noch nichts sehr stark und ich genieße dieses neue Leben. Ich befinde mich allerdings auch noch in dieser aufregenden Anfangsphase. Na gut, manchmal vermisse ich meine normale Kleidung. Ich glaube ich habe schon seit einer Woche kein Deo mehr benutzt, weil es im Kuhstall eh niemanden interessiert wie man aussieht, geschweige denn wie man riecht. Und meine Hände und vor allem Fingernägel sind immer nur noch schwarz. Das nervt mich ja doch manchmal, wobei mich der Naturdreck hier weniger anekelt als der Bakterienmief in Berliner U-Bahnen beispielsweise.

Gibt es etwas, das dir jetzt durch die Distanz klargeworden ist, das du über dich oder dein Leben gelernt?

Ich merke, dass ich ganz langsam ruhiger werde innerlich. Hier gibt es keine Ausstellung zu verpassen und keine neue Bar auszuprobieren. Die ersten Tage war ich noch in dieser normalen Alltagshetze und habe festgestellt, dass das hier unnötig ist. Für die großen Erkenntnisse, die ich mir ja vor allem hinsichtlich meiner weiteren Lebenspläne erhoffe, muss ich allerdings glaube ich noch etwas Zeit abwarten. Es kommen ja auch immer wieder neue Menschen hierher. Auch davon erhoffe ich mir stets neuen Input, der mir vielleicht weiterhilft in Fragen wie: Was für einen Beruf möchte ich ausüben? In welchem Land oder welcher Stadt möchte ich leben? Und so weiter.

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Langweilst du dich in Norwegen manchmal?

Bisher vergeht die Zeit so schnell! So richtige, ätzende, ewige Langeweile habe ich bisher gar nicht gehabt. Manchmal ist die Arbeit langweilig. Zum Beispiel haben wir heute sechs Stunden lang rote Beete geerntet, das ist dann schon ermüdend. Zurzeit würde ich mir daher ein wenig Freizeit-Langeweile richtig wünschen. Der freie Abend vergeht jedes Mal viel zu schnell und ab 21.00 Uhr lieg ich am liebsten im Bett.

Ich merke, dass ich ganz langsam ruhiger werde innerlich. Hier gibt es keine Ausstellung zu verpassen und keine neue Bar auszuprobieren.

Hast du schon einen Plan für die Zeit danach oder lebst du einfach im Moment?

Ich lebe eigentlich so lange es geht im Moment. Erst wenn das Ende einer Phase in Sicht kommt, plane ich meinen nächsten Schritt. So habe ich es bisher immer gemacht und ich denke so wird es diesmal auch laufen. Ich verliere natürlich nicht aus dem Hinterkopf, dass ich mich bald mit der Suche nach Jobs auseinandersetzen muss, aber ich gebe mir erstmal ein wenig Zeit damit bis zum Frühjahr 2017. Das war eine meiner Hauptbestrebungen darin, ein weiteres Auslandsjahr zu absolvieren. Diese Art Joker, den ich mir damit verschaffe, bevor es richtig ernst und erwachsen wird. Insgeheim hoffe ich darauf, dass ich irgendwann um 06:00 Uhr die Kuhweide umstecke, die Sonne aufgehen sehe über dem Nebelverhangenen Mjosasee – und dann die große Eingebung kommt, was als nächstes passieren soll.

Fotos: Katrina Schmitz

Collage und Interview: Marie Krutmann