"Ich habe ewig auf meinen Bildschirm gestarrt und nichts gemacht."

„Ich habe ewig auf meinen Bildschirm gestarrt und nichts gemacht.“

Einfach alles stehen und liegen lassen, Rucksack packen und nach Indien reisen.
Es gibt bestimmt viele, die sich das vorstellen, während sie im Alltag vor ihrem PC
dahindämmern. Anette hat aufgehört zu träumen und sich auf die Reise gemacht.

„Es geht auch anders.“

Gut, so einfach war es nicht. Es hat ein paar Anläufe gebraucht, bis klar wurde, dass es so für Anette in ihrem bisherigen Leben nicht weitergeht. Schon einmal hatte sie ihren Job als Marketing Managerin hingeworfen, um das zu machen, was sie eigentlich will: reisen, neue Sprachen lernen, Yoga machen, im Moment leben. Doch irgendwie kamen ihr Berlin und das Jobleben immer wieder in die Quere. Dieses Mal soll es anders laufen. Mit dem Plan, eine dreimonatige Yogaausbildung zu machen, verlässt Anette Berlin und reist nach Indien. Nach wenigen Wochen das erste Lebenszeichen: „Ich habe den Rückflug gecancelt.“ Ich habe mich mit Anette über ihr Indien-Abenteuer, Planänderungen, Yoga und natürlich über Langeweile unterhalten.

Wo in Indien bist du gerade und was machst du dort?

Ich bin in Dharamsala, im Norden Indiens, am Rande des Himalaya. Ich unterrichte dort Yoga und absolviere die zweite Stufe meiner Yogalehrerausbildung.

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Inzwischen ist schon etwas Zeit vergangen, seit du Berlin verlassen hast. Ist Indien so, wie du es dir vorgestellt hast? 

Ich bin jetzt seit sechs Wochen hier. Die Zeit vergeht so unglaublich schnell! Ursprünglich hatte ich einen komplett anderen Plan. Ich hatte vor, für zwei Monate in einem Kinderheim zu helfen, aber irgendwie konnte ich es mir nie so richtig vorstellen. Als ich mich dann dazu entschloss, meine Pläne zu ändern, hatte ich nur noch Yoga im Kopf. Eine richtige Vorstellung von Indien hatte ich nicht. Natürlich kennt man die Bilder aus den Medien, aber ich konnte mich selbst dort überhaupt nicht sehen. Bis eine Woche vor meiner Abreise war ich nicht mal sicher, in welchen Ort ich reisen würde. Der Aha-Effekt kam dann im Taxi vom Flughafen. Ich war sprachlos, als wir immer höher fuhren und ich in das grüne, mit bunten Häusern übersäte, Tal schaute.

Es war sehr schwer, den Job als Mittel zum Geld verdienen anzusehen. Oft kam mir meine Arbeit absolut sinnlos vor.

Woher kam das Fernweh nach Indien? 

Indien war schon immer auf meiner Liste. Ich fühlte mich auf eine gewisse Art bereits vor meiner Reise mit dem Land verbunden, aber es fehlte lange das Geld – oder der Mut. In Berlin war ich schon seit längerem nicht mehr zufrieden. Vor einem Jahr wurde mir klar, dass ich etwas ändern musste. Ich kündigte meinen 40 Stunden Job als Marketing Managerin, reiste ein paar Monate und fing dann, zurück in Berlin, einen Master in Süd- und Südostasienstudien an. Das Studium war endlich eine Entscheidung, die ich aus wirklich eigenem Interesse getroffen hatte. Neben der Uni arbeitete ich aber dennoch wieder im Marketing bei einem Berliner Start-up. Sehr schnell musste ich erneut feststellen, dass es einfach nicht meine Welt ist. Es war sehr schwer, den Job als Mittel zum Geld verdienen anzusehen. Oft kam mir meine Arbeit absolut sinnlos vor. Mit der Reise nach Indien verband ich schließlich ursprünglich den Plan, herauszufinden, ob ich mich auf Indien als Region in meiner Masterarbeit spezialisieren möchte. Geplant war ein dreimonatiger Aufenthalt mit Rückflugticket, aber nun kam alles ganz anders und alles ist offen.

Wie fühlst du dich mit dieser Entscheidung?

Insgeheim habe ich schon immer davon geträumt, für längere Zeit zu reisen, oder viel mehr an anderen Orten zu bleiben und zu leben. Die Möglichkeit, hinzugehen wo und wann ich möchte, bedeutet für mich absolute Freiheit. Bis jetzt gab es für mich immer einen vermeintlichen Grund, zurückzukommen – dieses Mal ist es anders. Am Anfang meiner Reise, hörte ich oft den Satz: „Indien verändert dich“. Mittlerweile weiß ich, was er bedeutet. Dieser Ort kann dich wirklich verändern. Ich denke, es sind zu einem großen Teil die Menschen, die einem Inspiration und Mut geben, anders zu sein. Die Möglichkeit, hierzubleiben und Yoga zu unterrichten, war dann der endgültige Auslöser, meinen Flug zu streichen. Ich habe schon einige Chancen in meinem Leben verstreichen lassen. Aus Angst oder aus der Überzeugung, dass ich einen bestimmten Weg gehen und ihn auch zu Ende bringen muss. Dieses Mal habe ich genug Mut und nichts zu verlieren.

„Geplant war ein dreimonatiger Aufenthalt mit Rückflugticket, aber nun kam alles ganz anders.“

Fällt es dir schwer, deinen Rhythmus umzustellen und nicht immer schon den nächsten Schritt zu planen? 

Natürlich ist es nicht immer einfach, im Moment zu leben. Aber ich schaffe es hier sehr gut, loszulassen, mit Vergangenem abzuschließen und mir nicht ständig Sorgen um meine Zukunft zu machen. Ich tue etwas, was mir großen Spaß macht und deshalb sehe ich keinen Grund, wegzurennen und weiterzusuchen oder in meiner Vergangenheit zu versinken. Ich habe tatsächlich keinen Plan für danach. Ideen sind da, aber ich werde mich nicht festlegen. Es gibt hier einen weiteren berühmten Satz: „Go with the flow“.

Hast du dennoch so etwas wie eine Tagesstruktur oder ergeben sich die Ereignisse spontan nach Tageslaune?

Ich habe schon eine Art Tagesroutine entwickelt. Morgens um 7:00 starte ich mit einer zweistündigen Yogapraxis. Danach gehe ich meistens in mein Lieblingscafé und frühstücke in Ruhe. Manchmal habe ich meinen Computer dabei, um an meinen persönlichen Projekten oder für meinen Freelance-Job zu arbeiten. Nachmittags mache ich wieder Yoga, lerne für mein zweites Zertifikat oder ich wandere durch die Natur. Zwischendurch bleibt immer Zeit für einen Masala Chai mit Freunden. Abends essen wir zusammen, sitzen und quatschen und machen Musik. Oft ergeben sich aber auch spontane Dinge, weil man ständig auf neue, interessante Leute trifft. Ich habe zum Beispiel völlig spontan meinen ersten Reiki-Grad bei einem Freund gemacht. Diese Technik, Energie zu kanalisieren und sich selbst und anderen damit zu helfen, hat mich schon immer interessiert und nun bin ich fleißig am üben.

Haben die Menschen, die du in Indien kennengelernt hast, einen großen Einfluss auf deine Zufriedenheit im Alltag?

Das Yoga-Teachertraining war sehr intensiv. Da wächst man zusammen, unterstützt sich gegenseitig – wie in einer Familie. Ich habe unglaublich interessante und emphatische Menschen kennengelernt und echte Freundschaften geschlossen. Dadurch, dass wir alle ähnliche Wege gehen und gemeinsame Erfahrung teilen, haben wir eine besondere Verbindung aufgebaut. Nach und nach brechen meine neugewonnenen Freunde allerdings wieder auf. Zum Glück habe ich aber auch einige der Locals kennengelernt. Die Menschen hier haben immer ein offenes Ohr. Wir singen viel gemeinsam und die Atmosphäre ist sehr herzlich und warm. Ich fühle mich zuhause unter all diesen tollen Menschen.

Ich tue etwas, was mir großen Spaß macht und deshalb sehe ich keinen Grund, wegzurennen und weiterzusuchen oder in meiner Vergangenheit zu versinken.

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Sind die Gespräche, die du mit den Leuten dort führst, anders als mit den Menschen in Berlin?

Absolut. Die meisten Menschen, die ich hier in Indien getroffen habe, glauben nicht an unser westliches Gesellschaftssystem. Viele sind ausgestiegen, machen ihr eigenes Ding und verwirklichen sich selbst. Da klingt alles sehr nach Hippie, aber ich begegne hier ausgeglichenen, fröhlichen Menschen, die ihr Leben leben und genießen. Jeder ist in irgendeiner Form kreativ und bewegt sich auf spirituellen Wegen. Es geht sehr viel darum, im Jetzt zu leben und wie man sich seiner selbst bewusst wird.

Ich habe schon einige Chancen in meinem Leben verstreichen lassen. Aus Angst oder aus der Überzeugung, dass ich einen bestimmten Weg gehen und ihn auch zu Ende bringen muss.

Hast du das Gefühl, dass du selbst auch anders bist, wenn du mit den Leuten dort zusammen bist?

Mein Leben hier ist komplett anders und dadurch bin ich es irgendwie automatisch auch. Ich war schon sehr lange unzufrieden mit meiner Situation in Deutschland, wusste aber nie wirklich, was und vor allem wie ich es ändern könnte. Ich habe das Gefühl, dass man nur den einen Weg lernt in unserer Gesellschaft und es wird einem nicht leicht gemacht, eine andere Richtung einzuschlagen. Ich habe immer den Druck gespürt, funktionieren zu müssen und zu arbeiten, um Geld für das Danach zu sparen. Nicht nur durch das Yoga, sondern auch durch viele Gespräche mit den verschiedensten Menschen, die ähnliche Lebenssituationen haben, machen mir Mut zur Veränderung. Ich traue mich Neues auszuprobieren und angetretene Pfade zu verlassen. Ich habe hier definitiv meine Komfortzone verlassen und es fühlt sich wahnsinnig gut an.

Was ist der größte Unterschied, den du bisher zu deinem Berlin-Alltag bemerkt hast?

Ich bin frei, das zu tun, was ich möchte. Ich bin viel positiver und stehe morgens gerne auf.

Yoga hast du aber ja auch schon in Berlin gemacht. Was ist anders daran, Kurse in Indien zu machen?

Indien ist der Ursprung, die Quelle des Yoga. Es wird hier nicht nur auf das physische Workout fokussiert. Der philosophische und meditative Aspekt wird viel mehr berücksichtigt. Yoga ist mehr als nur Asanas, es ist eine philosophische Strömung. Man spürt hier die traditionellen Hintergründe vielmehr und bekommt ein ganzheitliches Bild.

Ist Yoga demnach in deinen Augen eine Lebenseinstellung oder siehst du es, nun da du die Ausbildung gemacht hast, auch als Arbeit?

Yoga ist definitiv eine Lebenseinstellung und hier in Indien wird man ganz schnell in die Yogawelt eingesogen. Im Westen ist Yoga ein Fitnesstrend. Der physische Aspekt steht im Mittelpunkt, es geht darum, seinen Körper zu formen. Der Hype spiegelt sich in den Sozialen Medien: dünne Mädels in wunderschönen, ausgefallenen Posen, in den tollsten Yoga-Tights. Aber Yoga ist viel mehr als das. Das praktizieren von Asanas ist nur ein Teil des Ganzen und in den alten Schriften eher eine Randerscheinung. Die Posen dienten ursprünglich dazu, den Körper für lange Meditationsphasen vorzubereiten, ihn zu trainieren, so lange wie möglich still in einer Position zu verharren. Yoga existiert seit 5000 Jahren in Indien.

Ich habe hier definitiv meine Komfortzone verlassen und es fühlt sich wahnsinnig gut an.

Das Wort Yoga kommt aus dem Sanskrit bedeutet Einheit. Durch verschiedene Übungen und Verhaltensweisen, wie dem Singen von Mantren, Meditation, oder selbstlosem Handeln, bringt man den Körper, den Geist und die Seele in Einklang. Ich bin unendlich dankbar, die Möglichkeit zu haben, hier in Indien mit meinem Yogaunterricht Geld zu verdienen. Trotzdem sehe ich es nicht als Arbeit, sondern vielmehr als meine Leidenschaft, die ich anderen näherbringen darf.

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Es ist aber auch eine Art „Hype“ Yogalehrer oder Yogalehrerin zu werden.

Das stimmt. Indien ist überschwemmt mit Yogaschulen, unglaublich viele Yogalehrer werden hier jeden Monat „produziert“. Mit Yoga lässt sich Geld machen. Und das ist gut. Es schafft Jobs und diese wundervolle Philosophie verbreitet sich weiter in der Welt. Schade ist nur, dass der holistische Ansatz im Westen aus dem Blickfeld gerät und als effektives Fitnessprogramm gesehen wird. Aber auch ich nutze Yoga, um mich fit zu halten und gleichzeitig die Balancen in meinem Körper wiederzufinden. Das tolle an Yoga ist, dass man es in so vielen verschiedenen Aspekten für sich nutzen kann. Es ist wie ein Baukasten, aus dem man sich alle nützlichen Dinge heraussucht und sich seine eigene Yoga-Praxis zusammensetzt.

Siehst du im Praktizieren von Yoga eine Art der Selbstheilung?

Ja, mir persönlich hilft Yoga, einen Ausgleich zu finden. Schon immer hat es mir in stressigen Situationen die nötige Stärke und Ruhe gegeben. Durch die Ausbildung in Indien verstehe ich nun jedoch viel mehr den holistischen Ansatz der Yoga-Philosophie. Ich habe mich zwar schon vorher mit Alternativen zu unserem westlichen System beschäftigt, aber Yoga zeigt mir einen Weg, mich von gesellschaftlichen Zwängen zu befreien. Ich denke, dass Yoga für jeden etwas bereithält, sei es körperlich oder mental, wenn wir uns dann noch den Wurzeln dieser uralten Strömung bewusst werden, kann Yoga noch viel mehr für jeden von uns tun.

Es ist wie ein Baukasten, aus dem man sich alle nützlichen Dinge heraussucht und sich seine eigene Yoga-Praxis zusammensetzt.

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Nutzt du auch andere Methoden, um dich im Alltag zu entspannen und deinen Horizont zu erweitern?

Yoga zur Entspannung kann ich mir nicht mehr aus meinem Leben wegdenken, genauso wie Masala Chai. Außerdem habe ich ein Yogabuch dabei und ein Buch, dass ich von meinem Freund vor meinem Abflug bekommen habe: The Secret. Es mag an der ein oder anderen Stelle etwas cheezy sein, aber im Großen und Ganzen geht es um das Manifestieren von Wünschen und das Anziehen von Dingen, die wir in unserem Leben haben möchten. Es hat mir sehr geholfen, positiv zu denken und negative Wörter und Einstellungen zu reduzieren. Darüber hinaus bin ich ein großer Fan von Osho, einem spirituellem Gelehrten aus Indien, geworden. Er hinterfragte so ziemlich alles menschengemachtes und er beschrieb seine Lehren als Alternative oder neue Richtlinien für eine „andere Art Mensch“. Oft kontrovers, aber unglaublich interessant und lehrreich, trug er immens zur Wissenschaft der inneren Transformation bei.

Langweilst du dich in Indien manchmal oder hast dich in Berlin gelangweilt?

In Indien langweile ich mich auf eine positive Art und Weise. Momentan ist noch Monsun und es regnet viel. Ich liebe es, einfach dazusitzen und dem Regen zuzuhören. Ich möchte das aber eigentlich gar nicht Langeweile nennen. Es ist fast eine Art Meditation. In Deutschland habe ich mich in meinen Bürojobs gelangweilt. Manchmal habe ich ewig auf meinen Bildschirm gestarrt und nichts gemacht. Ich war müde, verlor meine Energie und war oft schlecht gelaunt.

Ist Langeweile in deinen Augen etwas Positives oder Negatives?

Für mich war Langeweile immer mit etwas Negativem behaftet, aber jetzt, wo ich darüber nachdenke, ist es doch oft unsere Gesellschaft, die uns sagt, Langeweile sei schlecht. Man muss immer etwas zu tun haben. Sobald man nicht produktiv ist, fühlt man sich schlecht. Die Zeit rast an uns vorbei. Hier in Indien habe ich die ein oder andere „lange Weile“ bei Tee und einfachem Dasitzen verbracht. Wir sollten das alle wieder lernen und zu schätzen wissen.

In Deutschland habe ich mich in meinen Bürojobs gelangweilt. Manchmal habe ich ewig auf meinen Bildschirm gestarrt und nichts gemacht.

Gibt es etwas, das dir erst jetzt, durch die Distanz, klargeworden ist?

Es geht auch anders.

Kannst du dir vorstellen, nach Indien, wieder in deinen Berliner Alltag zurückzukehren?

Ich liebe Berlin und ich werde definitiv immer wieder zurückkehren, allerdings nicht in meinen alten Alltag. Ich würde mir nur wünschen, dass die Menschen etwas mehr lächeln und sich nicht immer nur auf die negativen Dinge fokussieren.

 Gibt es etwas, das dir in Indien fehlt?

Meine Freunde, meine Familie und vietnamesisches Essen.

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Fotos: Anette Quentin

Collage und Interview: Marie Krutmann