Und ab geht die Luzy!

Und ab geht die Luzy!

„Gala- und Glamour-Leser*innen werden es lieben.“, schreibt das Missy Magazine über Laura Lackmanns Romandebüt: Die Punkte nach dem Schlussstrich. Ich habe mir ein eigenes Urteil gebildet und kann dem Roman deutlich mehr als so manchem Frauen-Magazin abgewinnen. Dazu musste ich bloß zunächst ein paar Vorurteile abbauen. 

Von wegen Schall und Rauch

Mit Namen ist es ja so eine Sache. Wenn man zum ersten Mal den Namen einer Person erfährt, kennt man entweder bereits jemanden, der oder die denselben Namen trägt und verbindet die Person automatisch mit bestimmten Charakterzügen. Oder die Namen sind einfach ziemlich Lena-Lisa 0-8-15 bzw. total Kate-Noah-Antony Over the Top und damit ebenso nichtssagend, weil bemüht ausdrucksstark, sodass sich keine spontane Sympathie einstellen mag. Luzy gehört für mich in die zweite Kategorie. Luuuzy! Heißt denn heutzutage wirklich jemand so? Ich persönlich kenne zumindest keine Luzy in meinem Umfeld und habe dennoch gleich eine Vorstellung davon, welches Vorurteil sich hinter dem Namen verbirgt: Luzy ist bestimmt etwas schräg drauf, eigensinnig (LuZy nicht LuCy), chaotisch, aber trotzdem liebenswürdig, weil es der Name für ein freches Mädchen, eine süße Omi oder einen Hund sein könnte.

Luzy ist auch der Name der Protagonistin in Laura Lackmanns Romandebüt Die Punkte nach dem Schlussstrich, die ihrem Namen in Punkto Chaos alle Ehre macht. Luzy weiß einfach nicht, was sie will. Nein, das stimmt eigentlich nicht ganz. Sie weiß, was sie will: einen festen Freund, der ihr eine Lebensaufgabe durch die Rolle der Freundin verleiht. Was sie nicht weiß, ist vielmehr, wer genau sie eigentlich wirklich ist, wenn sie nicht gerade Beziehungstheater spielt. Da sie immer dann, wenn sich das Ende einer Beziehung anbahnt, bereits einen Nachfolger ins Auge fasst, und dadurch nonstop die Freundin von jemandem ist, weiß sie nicht, was sie – Luzy – mag und wofür sie sich als eigenständige Person interessiert.

Seit fünfzehn Jahren spiele ich Theater, ein Epos. Ich erfinde Geschichten. Ich arbeite, wie jetzt, mit Effekt-Make-up und Kostümen, ich lüge, übertreibe und untertreibe. Es ist eine Show, ein Zirkus, ein „Ein-Frau-Stück“ für einen Mann.

Name, Hobbies, Interessen?

Das einzige, für das Luzy sich mit Sicherheit aus eigenen Stücken interessiert hat, sind Pferde. Aber da war sie ein süßes freches Mädchen und hat ihrem Namen wieder alle Ehre gemacht. Seit ihrem ersten Teenie-Freund, Apollo, bleibt aber auch keine Zeit für eigene Interessen, weil sie sich, je nach Freund, derartig extrem auf ihre Rolle als perfekte Freundin einlässt, dass Hobbies wie Gitarre spielen, Skaten, Fotografieren oder Schnaps brauen für Luzy mehr Arbeit als Spaß bedeuteten. Einen richtigen Job, bei dem sie Geld verdient, hat die Frau übrigens nicht. Mal davon abgesehen, dass ihre Eltern steinreich sind und Luzy nie arbeiten musste, um über die Runden zu kommen, würde ihr die Entscheidung für den passenden Job ohnehin viel zu schwerfallen.

Puuuuh!, atme ich nach den ersten Kapiteln geräuschvoll aus, die eigentlich keine Kapitel, sondern vielmehr die verschiedenen Beziehungen der Protagonistin sind. Jeder Name (Apollo, Peter, Jonas…) trennen die Geschichte Luzys in verschiedene (Lebens-) Abschnitte.

Ich war noch nie allein. Seit Apollo war da immer ein Mann, mit dem ich zusammen war. Wenn andere 1999 sagen, um einen Zeitraum zu bestimmen, sage ich „Apollo, kurz vor Peter“.

Apollo heißt, wie man gleich zu Beginn erfährt, eigentlich Daniel Schmidtmayer und entspricht meiner Namen-Vorurteilstheorie zufolge dem nichtssagenden 0815-Typ, der sich selbst in den möchtegern spannenden Over the Top- Apollo umbenannt hat. Wie man sich so jemanden vorstellen kann? Luzy sieht es so:

Apollo war optisch ein bisschen anders als die anderen Jungs. Unangepasster. Es war keine sichere Sache, dass er dem Trend entsprach. Die Gefahr, sich zu vergreifen, bestand also in jedem Fall. (…) Apollo trug einen dicken Silberring mit einem Cannabisblatt und ein zerfetztes Bandshirt. Ich kannte die Band nicht, vielleicht war es seine eigene. Dann wäre er ein Künstler. Einer, der mehr empfindet, mehr als andere.

Ich bin scheinbar nicht die Einzige, die ihre ersten Charakterschlüsse anhand von Vorurteilen zieht. Luzy geht jedoch in ihrer Phantasie so weit, dass sie sich bereits eine Beziehung mit Apollo vorstellt, bevor sich die beiden überhaupt kennengelernt haben. Sie verliebt sich nicht in Apollo, sie verknallt sich in das von ihr projizierte Vorurteil und entwirft anschließend eine Rolle für sich als Freundin von diesem Vorurteil. Holy Shit!

Etwas erwachsener, wenn auch nicht wirklich, wird es mit Peter, der dem Alter nach Luzys Vater sein könnte, gefolgt von Jonas, der permanent unter Heuschnupfen leidet und lieber Zeit mit seinem besten Freund verbringt. Aber was soll man auch anderes erwarten: „Peter“ und „Jonas“.

Ich liebe mich nicht, lieb du mich!

Was ich allerdings nicht erwartet hätte, ist die Tatsache, dass Luzy sich langsam in mein Herz nervt. Im Gegensatz zu Sarah Kuttners Protagonistin Karo im Roman Mängelexemplar, welchen Laura Lackmann kürzlich verfilmt hat, finde ich Luzy schließlich tatsächlich ein wenig liebenswert. Der Vergleich beider Frauencharaktere kommt nicht von ungefähr, wenn man bedenkt, dass Lackmann den Roman in etwa zeitgleich geschrieben haben muss, als sie die Regie für Mängelexemplar führte. Die Frauen ähneln sich nicht nur in ihrem Alter und dem Berliner Szeneumfeld. Beide haben zudem auch dasselbe Problem: Weil sie sich selbst nicht lieben können, klammern sie sich verzweifelt an ihre Partner, damit wenigstens einer sie liebt.

In einem Interview, das ich mit Laura Lackmann geführt habe, erklärt sie, dass Frauen, ihrer Meinung nach, auch mal unsympathisch rüberkommen sollten. Uns Frauen wird, u.a. in Filmen und Büchern, immer wieder vorgemacht, wie perfekt und sympathisch wir sein sollten, um anderen (Männern) zu gefallen. Dieses Konzept umzudrehen, ist der Autorin, wie ich finde, sowohl in ihrem Film- als auch in ihrem Romandebüt gelungen. Doch im Gegensatz zu Karo, die ich aufgrund ihrer Panikattacken und Existenzängste zwar mit einer psychologischen Neugierde interessant, aber ansonsten eher nichtssagend finde, ist Luzy in meinen Augen der gelungene Frauen-Freak. Das liegt aber, Gott sei Dank, nicht daran, dass sie Luzy heißt, sondern an Lackmanns Sprachgefühl und einem Humor, über den ich lachen kann.

In Die Punkte nach dem Schlussstrich wird gewiss, wie die Missy schreibt, kein emanzipatorischer Akt geleistet, aber eine humorfreie Lachnummer würde ich es auch nicht nennen. Wenn Gregor(!), voller aufgesetztem Entsetzen, nackt vor Luzy im Hotelzimmer auf und ab pimmelt, finde ich, Marie, das durchaus lustig und anschaulich beschrieben.