Of Riders & Running Horses

Of Riders & Running Horses

Vergangene Woche war ich in London, um eine alte Freundin zu besuchen, die ich noch aus meinem Erasmussemester in Schweden kenne. Die Entscheidung, zu verreisen, hatte ich ziemlich spontan getroffen und so blieb kaum die Zeit, irgendwelche Pläne zu machen. Aber die brauchte ich auch gar nicht. Ich hatte die beste Insider-Reiseführerin an meiner Seite, die ich mir hätte wünschen können. Von der alternativen Street Art-Führung durch Shoreditch ging es plappernd mit der U-Bahn nach Covent Garden und Notting Hill, durch kleine Gassen in verborgene Pubs oder mit dem Fahrrad am Kanal entlang nach Camden. Zum ersten Mal seit wirklich langer Zeit, hatte ich frei. Frei von Plänen, frei von der Uni, frei von der Arbeit, frei von Berlin und jeglicher Verantwortung.

Don`t stop till you get enough!

Das absolute Highlight meiner Reise war gleich der aller erste Abend in London. Wir hatten am Wasser (mit Blick auf Big Ben) Pizza gegessen und uns anschließend mit unserem Supermarktwein auf einen kleinen Abendspaziergang begeben, als wir am National Theatre auf dem Festival of Love landeten, einer Art Straßenfest mit Essen, Musik, schummerigen Lichtern und verschiedenen künstlerischen Darbietungen. Eine davon war die Tanzperformance der Still House-Company Of Riders & Running Horses.

Erwartungsvoll reihten wir uns in einen Kreis mit anderen neugierigen Zuschauern. Manche hatten einen Sitzplatz in der ersten Reihe ergattert, andere standen, wie wir, hinter den Stühlen und sahen in Richtung der kleinen Bühne, auf der ein junger Mann an seinem Bass herumzupfte, während ein zweiter im Hintergrund sein Schlagzeug sortierte. Als wir gerade etwas gelangweilt an unseren Plastikgläsern nippten, stand plötzlich eine junge Frau zwischen uns aus dem Publikum auf und trat in die Mitte des Kreises. Rhythmisch begann sie sich zu den Klängen der Livemusik der Zwei-Mann-Band hinter ihr auf der Bühne zu bewegen. Oder waren es die Männer, die sich mit ihren Instrumenten an ihren Tanzstil anpassten? Schwer zu sagen, wer hier den Ton angab. Alles wirkte seltsam improvisiert und gleichzeitig vollkommen harmonisch.

Auf einmal wurde die Musik schneller und vier weitere junge Frauen sprangen von ihren Stühlen in der ersten Reihe, um der jungen Frau mit den Wuschelhaaren Gesellschaft zu leisten. Jede von ihnen hatte ihren ganz eigenen Stil – sowohl optisch, als auch in ihren Bewegungen und ihrem Ausdruck. Immer wieder fing eine von ihnen einen neuen Tanz an, begonnen mit einer Bewegung, die mal Hip Hop, mal Modern Dance, Jump Style oder Ballett sein konnte – die anderen folgten ihr ohne Mühe.

Es gibt nicht viele Situationen, in denen ich tatsächlich den Drang spüre, Teil einer Gruppe zu sein oder einfach die Kontrolle zu verlieren, doch je länger ich den tanzenden Frauen zusah, desto stärker wurde mein Wunsch, zu ihnen in die Mitte des Kreises zu springen und mitzutanzen. In dem Moment als ich das dachte, beugte sich meine Freundin zu mir rüber und sagte: „Ich habe zwar nie wirklich tanzen gelernt, aber ich möchte jetzt unbedingt auch so bewegen!“. Dass es vielen anderen Menschen um uns herum genau so ging, konnten wir an den vielen glücklichen Gesichtern und wippenden Körpern neben uns sehen. Die Musik wurde immer schneller, die Bewegungen ausgelassener und wir immer unruhiger. Und dann, auf einmal, legte der Bassist auf der Bühne sein Instrument beiseite und sprang mit einem Satz von der Bühne in die Mitte des Kreises, um den Dancefloor (endlich!) für den Rest des Publikums zu eröffnen.

Ich habe mich schon lange nicht mehr so glücklich und lebendig gefühlt, wie an diesem Abend.

© Foto, Video (und Text): Marie Krutmann