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Bang Gang – Sex gegen Langeweile

Was man unter einem „Gang Bang“ versteht, ist allgemein bekannt. Was aber passiert, wenn man die Wörter umdreht und sich einem eine Gruppe 16-jähriger als „Bang Gang“ präsentiert? Der Debütfilm der französischen Regisseurin Eva Husson liefert die Antwort. 

Bang Gang – Sex gegen Langeweile

„Also gut, kannst du mir sagen, wie viele Partner du gehabt hast?“ Ohne die geringste Andeutung einer emotionalen Regung schaut George (Marilyn Lima) sich in dem kleinen Arztzimmer ihrer Schule um und antwortet schließlich: „Keine Ahnung, mit dem Bang Gang – ich weiß es nicht.“ „Bang Gang?“, fragt die junge Schulkrankenschwester unsicher. „Das sind unsere Partys. Keine große Sache.“ George zuckt mit den Schultern. „Was macht ihr da?“, fragt die Schwester zögerlich weiter. Endlich regt sich etwas im Gesicht der 16-jährigen: „Kann ich so einen?“. Erwartungsvoll deutet sie auf ein Glas auf dem Tisch vor ihr. Es ist voll mit bunten Lutschern, die für besonders tapfere Kinder gedacht sind.

In Bang Gang, dem Debütfilm der französischen Regisseurin Eva Husson, feiert eine Gruppe Teenager Privatpartys, die an Massenorgien erinnern. (K)eine große Sache?

Wenn man sich im Netz auf die Suche nach einer Definition für „Teenager“ macht, so findet man auf Wikipedia folgende interessante Bemerkung: „Klischeehaft werden Teenager insbesondere in Teenie-Filmen als quirlig und emotional labil dargestellt, was wohl auf Probleme der Pubertät anspielen soll.“ Im Fall jener von Husson dargestellten Film-Teenies in der französischen Kleinstadt Biarritz erscheint anstelle von „quirlig und emotional labil“ „gelangweilt und emotional auf Pause“ jedoch die geeignetere Bezeichnung. Denn wenn die jungen Darstellerinnen und Darsteller eines besonders beherrschen, dann ist es rumsitzen, warten und extrem gelangweilt dreinschauen. Sitzen sie in der Schule, so schauen sie unkonzentriert durchs Fenster nach draußen. Sitzen sie schließlich draußen vor der Schule, schauen sie wartend auf die leeren Bildschirme ihrer Smartphones. Worauf sie warten? Darauf, dass endlich etwas passiert.

„Den ganzen Sommer über berichtete das Radio über alte Leute, die sterben und jede Woche hörten wir, dass noch ein Zug entgleist war.“

, kommentiert die monotone Stimme von Gabriel (Lorenzo Lefebvre), einem der vier Hauptprotagonisten, aus dem Off.

Inside-Out

Im Teeniefilmjargon würde man Gabriel wahrscheinlich als den „Lonely Boy“ bezeichnen, da er anstatt mit den anderen Jugendlichen wilde Partys zu feiern, lieber vor seinem PC hockt und Musik mischt. Techno ist seine Flucht vor dem öden Alltag, seinen Eltern und dem Gruppenzwang der anderen. Die anderen alias „die coolen Kids“ können die Kleinstadtlangeweile nur ertragen, indem sie heimlich Partys in einem alten Landhaus feiern. Das Haus gehört der Mutter von Alex (Finnegan Oldfield), den man aufgrund seines großen Egos und dem sprunghaften Verhältnis zu seinen Freundinnen wohl als den „Bad Boy“ der Gruppe bezeichnen könnte. Alex` Mutter ist für neun Monate beruflich ins Ausland verschwunden und hat ihren Sohn allein in „seinem Palast“ zurückgelassen. Das macht ihm angeblich nichts aus. Schließlich gibt es einen Pool im Vorgarten, ein Flachbildfernseher im Wohnzimmer, einen besten Freund zum Bong rauchen und eine Horde hübscher Mädchen, die sich ohne mit der Wimper zu zucken die Klamotten vom Leib reißen, sobald sie seine Partys betreten. Klingt im Prinzip – für einen 16-jährigen – zu gut um wahr zu sein. Dennoch scheint in Wahrheit nichts von alledem so recht gegen die Langeweile, oder wohl eher die Einsamkeit, zu helfen. Obwohl draußen sommerliche Temperaturen herrschen, sitzt Alex in seinem verwüsteten Zimmer und trägt eine Daunenjacke, die ihn wie einen dicken Schutzpanzer umgibt.

Auch bei den übrigen Charakteren spielt die Wahl der Kleidung keine unwichtige Rolle. Zwar werden die Jugendlichen optisch nicht in offensichtliche Schubladen nach dem Motto „der Gothic“ oder „die Tussi“ gesteckt, da sie alle einen recht einheitlichen Stil teilen, der häufig zur Gesamtästhetik der Bilder beiträgt. Dennoch entsteht, gerade bei den Freundinnen George und Laetitia, der Eindruck einer Kostümierung, die durch zahlreiche An- und Ausziehsequenzen unterstrichen wird, bei denen man die jungen Frauen auf eine beinahe voyeuristische Art in ihren Zimmern beobachtet. Im Falle der schüchternen Laetitia (Daisy Broom) wird anhand ihres Äußeren unauffällig die typische Transformation vom hässlichen, zugeknöpften Entlein in den beliebten, freizügigen Schwan vollzogen. Ihre beste Freundin George hingegen ist die klassische Schönheit, die aufgrund ihrer Longboard-Lässigkeit, den knappen T-Shirtkleidern und ihren langen rosa Kniestrümpfen an die Miniversion eines American Apparal-Models erinnert. (Ein Label, das bekanntlich mit seinem pornographischen Image kokettiert.) Auch wenn der Film sehr kunstvoll inszeniert ist und insbesondere musikalisch überzeugt, indem die Orgien der Jugendlichen in Zeitlupe mit Opernmusik übernetzt werden, erscheint es doch, als habe Eva Husson sich in ihrem Debüt, wenn auch auf einem ästhetisch hohen Level, sämtlicher  Rollenklischees bedient. Stellt sich nun aber die Frage, weshalb man es ihrer Meinung nach in Bang Gang mit einer „Histoire d’amour moderne“ (so der Untertitel des Films) zu tun haben soll. Das Bild gelangweilter Kleinstadtteenager ist schließlich nichts Neues.

Generation Youporn

Filme wie Kids (1995), The Virgin Suicides (1999), Garden State (2004) und viele weitere haben bereits vorgemacht, dass die Antwort auf die Teenagerlangeweile im Alkohol- und Drogenkonsum liegt. Und auch die 17 filles (2011) im Regiedebüt der Coulin-Schwestern konnten bereits eindrucksvoll unter Beweis stellen, wie sich junge Frauen durch wahllosen Sex (und einer gemeinsamen Schwangerschaft) dem traditionellen Lebensmodell der Kleinstadt widersetzen. Was also ist so modern am Prinzip „Bang Gang“? Es klingt so simpel, weil es, wie in so vielen Bereichen, die immer selbe Antwort ist: Modern ist gleich digital.

Jawohl, wir reden hier schließlich von der Generation WhatsApp/Tinder/Snapchat/Facebook und natürlich auch der Generation Youporn. Während andere Teenie-Generationen zuvor beim Flaschendrehen noch erste Erfahrungen in Sachen Zungenkuss sammelten, fallen in der Bang Gang-Generation schon nach dem ersten Dreh der Flasche die BHs zu Boden. Nacktheit kann nicht mehr schocken, denn Nacktheit ist im Netz praktisch überall. Als das Flaschendrehen, wie so vieles, zu schnell langweilig wird, verkündet George ihren Klassenkameraden gegenüber, sie wolle etwas Anderes spielen.

„Es ist so ähnlich wie Wahl, Wahrheit oder Pflicht, außer, dass es nur Pflicht gibt.“

Ihr Blick fällt während dabei triumphierend auf die gegenüberliegende Wand, auf der die ganze Zeit über per Beamer ein Sascha Grey-Porno läuft, dessen Gestöhne nahtlos in die Beats der Partymusik übergeht. Pornos schauen ist Mainstream. Selber Sex haben und sich dabei filmen ist hingegen etwas, das so in ihrer gutbürgerlichen Peergroup noch nicht da gewesen ist. Gleichzeitig bestärkt sie der Gedanke, dass sie durch den Gruppensex Teil einer Gang werden, die ein gemeinsames Geheimnis teilt. Nur wer Mitglied ihres Chats ist und nach dem Hashtag „Bang Gang“ sucht, wird je erfahren, was sie hier gewagt haben. Und: Erst, wenn es digitalisiert wurde, ist es auch wirklich passiert.

Und die Moral von der Geschichte?

Schockierend an den Teenie-Orgien in Hussons Film ist viel weniger die viele nackte Haut der sehr jungen Menschen oder die sexuelle Experimentierfreudigkeit dieser Jugendlichen. Schockierend ist vielmehr der Gedanke, dass es bereits im Jugendalter so gut wie unmöglich erscheint, sich auf eine feste Beziehung einzulassen. Eine Beziehung, in der es zwei Menschen gibt, die verknallt sind und gemeinsam ihr erstes Mal erleben wollen. Dabei ist es nicht so, dass es einen solchen Wunsch oder eine Hoffnung nicht mehr gäbe.

„Ich wollte immer, dass mein erstes Mal etwas Besonderes wird“

, verkündet Laetitia Alex gegenüber, nachdem sie es miteinander getrieben haben und er sie dabei gefilmt hat.

„Aber das war es doch, oder? Und du hast das Video.“

In einem Film, in dem Menschen, die (wie man an ihren dürren, zerbrechlich wirkenden Körpern sieht) gerade noch Kinder waren, sich wahllos auf Drogen durch die Gegend vögeln, filmen und das Ganze auch noch veröffentlichen, in dem nicht über Verhütung gesprochen wird und die Eltern abwesend sind, während die Jugendlichen in dunklen Zimmern gebannt auf grelle Bildschirme starren, ertappt man sich schließlich selbst beim Warten, beziehungsweise beim Erwarten. Man erwartet, dass da noch was kommt, eine Moral oder ein böses Erwachen. Denn so läuft das doch im Teenie-Film. Und was dann kommt, ist zum ersten Mal wirklich unerwartet, weil es keinem Klischee entspricht. Anstatt sich selbst die vernachlässigte Aufsicht oder seinem Sohn ein unverantwortliches Handeln vorzuwerfen, bezieht sich das Urteil, ausgesprochen von Gabriels Vater, auf das Bild einer Generation, die in ihrem pseudo-revolutionären Verhalten versagt hat. Wenn Jungs die „Dildos“ und Mädchen die „Auffangbehälter“ sind, ist das keine Freiheit. „Im Grunde ist es einfach nur furchtbar mittelmäßig.“

Video: Youtube

Foto: © Neue Pierrot le Fou